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der Zentralstelle KDV

Das Grundrecht, Nein zu sagen

Zentralstelle KDV kämpft seit 50 Jahren für Kriegsdienstverweigerer

23.02.2007 - Peter Tobiassen - Telefon: 04453/9864888 Mobil: 0171/5081394

Von Dieter Sell (epd)

Bremen/Wilhelmshaven (epd). Als Berthold Schanzenbächer 1956 den Kriegsdienst verweigerte, betrat er in der Geschichte der noch jungen Bundesrepublik Neuland. Wer damals wie heute keine Waffe in die Hand nehmen wollte, musste mit "Gewissensgründen" überzeugen. "Ich hab's beim ersten Mal gepackt", erinnert sich der jetzt 69-Jährige an seine Verhandlung vor einem "Prüfungsausschuss". Seit 50 Jahren stand und steht die lange in Bremen beheimatete Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer Männern wie Schanzenbächer zur Seite.

Der Süddeutsche aus Neustadt-Diedesfeld ist einer der ersten von bis heute bundesweit knapp drei Millionen anerkannten Kriegsdienstverweigerern. Sie alle haben sich bei ihrer Entscheidung auf das zentrale Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit berufen. Mit dem Artikel 4 Absatz 3 legt das Grundgesetz fest: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden."

Jahrzehnte mussten Verweigerer ihre Beweggründe in einer Verhandlung der Wehrbehörde verteidigen. Heute reicht eine schriftliche Begründung. Und doch: "Ein Grundrecht hat man ohne staatliche Überprüfung", kritisiert der Bremer Pastor Ulrich Finckh. Er war mehr als 30 Jahre Vorsitzender der Zentralstelle, die heute in Bockhorn bei Wilhelmshaven ansässig ist.

Seit ihrer Gründung am 2. März 1957 in Dortmund setzt sich die Einrichtung für eine Verweigerung ohne Prüfung ein: Als 1956 das Wehrpflichtgesetz in Kraft trat, ergriffen Pazifisten um Professor Friedrich Siegmund-Schultze (1885-1969) die Initiative und hoben die Zentralstelle aus der Taufe. Der aus der Emigration heimgekehrte Theologe und Philosoph Siegmund-Schultze wurde von Delegierten aus elf Mitgliedsverbänden zum ersten Präsidenten gewählt.

"Wir waren erschüttert vom Krieg und wollten etwas gegen die Remilitarisierung tun", erinnert sich Mitbegründer Hans de Boer, der sich damals in der "Internationale der Kriegsdienstgegner" engagierte. Mittlerweile stehen 26 Mitgliedsorganisationen hinter der Einrichtung, die meist kurz "Zentralstelle KDV" genannt wird. Sie informiert und berät Männer, die verweigern wollen. In schwierigen Fällen werden Rechtsbeistände vermittelt, die sich in der komplizierten Materie auskennen.

Sein Prüfungsausschuss sei "im Großen und Ganzen höflich gewesen", denkt Berthold Schanzenbächer zurück. Andere Verweigerer mussten im Klima von Wiederbewaffnung und Kaltem Krieg ihr Innerstes nach außen kehren, um zu beweisen, dass sie es ernst meinten. Traurige Popularität erlangte 1982 das legendäre "Führerschein-Urteil", nach dem ein 25-jähriger Student und Taxifahrer aus Bremen nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde, weil er nicht auf das Autofahren verzichten wollte. Denn auch das müsse ihm sein Gewissen verbieten, weil er versehentlich einen Menschen töten könne, hieß es damals.

Selbst von Regierungsvertretern wurden Verweigerer wahlweise als Kommunisten, Feiglinge und Drückeberger diffamiert und mussten sich anhören: "Dann geht doch in den Osten." Zentralstellen-Geschäftsführer Peter Tobiassen erinnert sich lebhaft an zwei Kriegsdienstverweigerer aus dem Emsland, die im Sommer 1978 mit gepackten Koffern und Flugtickets nach Berlin auf der Flucht vor der Wehrpflicht in seinem Büro erschienen. Andere wurden krank, Einzelne nahmen sich verzweifelt das Leben, weil sie die "Gewissensprüfung" nicht bestanden hatten.

"Die Bilanz der Prüfungsverfahren war verheerend", blickt Ulrich Finckh zurück. "Mit Sicherheit kamen weit über eine Million Kriegsdienstverweigerer nicht im ersten Anlauf zu ihrem Recht - und Hunderttausende überhaupt nicht." Deshalb sieht die Zentralstelle ihren größten Erfolg auch in der endgültigen Abschaffung der Prüfungsverfahren 2003.

Auch das soll am 2. März in Berlin beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen gefeiert werden. Doch 10.000 Anfragen jährlich zeigten, dass die Zentralstelle noch immer gebraucht werde, sagt ihre amtierende Präsidentin, die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann aus Hannover. Unabhängig von kirchlichen und staatlichen Zuschüssen erwarb sich die spendenfinanzierte Organisation durch ihre faktenorientierte Arbeit Respekt, auch unter Gegnern.

Und doch bleibe viel zu tun, sagt Finckh: "Uns geht es um die Stärke des Rechts an Stelle des Rechtes der Stärkeren." Margot Käßmann verdeutlicht, langfristig komme es darauf an, das Militär überflüssig zu machen "und endlich zivile Lösungsansätze für Konflikte zu stärken". Damit schließt sich der Kreis zum Gründungs-Präsidenten Friedrich Siegmund-Schultze, der sich Zeit seines Lebens für einen freiwilligen Friedensdienst eingesetzt hat. Ganz ohne Zwang und ohne Waffen.

Internet: www.zentralstelle-kdv.de

(epd Niedersachsen-Bremen/b0489/22.02.07)
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