Presseinformationens-Archiv
der Zentralstelle KDV

Leserpost aus dem Zivi-Alltag

Ehemalige und aktive Zivis schreiben an Spiegel-Online

13.01.2004 - Peter Tobiassen - Telefon: 04453/9864888 Mobil: 0171/5081394

In der aktuellen Diskussion gibt es viele verklärte Beschreibungen des Zivildienstes. Bei Spiegel-Online haben sich Zivis zu Wort gemeldet und ihre Zivildiensterfahrungen beschrieben. Sehr zutreffend, wie die Zentralstelle KDV nach vielen tausend Beratungsgesprächen bestätigen kann.

SPIEGEL ONLINE - 12. Januar 2004, 19:15
URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,281582,00.html


"Alle schauen weg"

Den Privatwagen der Klinikleiterin waschen, beim Umzug des Chefs helfen, Klo schrubben bis zum Abwinken, Schreibarbeiten erledigen, damit die Assistentin früher nach Hause kann: SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten aus dem Zivi-Alltag.

Sehr geehrter Herr Deggerich,

vielen Dank für Ihren Artikel zum Zivildienst. Als ebenfalls Ehemaliger kann ich Ihren ungeschminkten Schilderungen (insbesondere das Ausgenutztwerden und das Ausführen bestimmter Tätigkeiten ohne die nötige Ausbildung im Pflegebereich) nur zustimmen, da selber erlebt. Hoffentlich gibt es in Zukunft eine vernünftige Lösung, wobei ich gerade an die Vollzeitarbeitskräfte u.ä. und ihre Honorierung denke.

Carsten Pietsch



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Das ist ein toller Bericht! Auch Ich war ein rechteloser Lückenbüßer!
Ralf Gosch



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Hallo! Endlich spricht mal jemand was aus, was seit bestimmt 15 Jahren schon in der Luft liegt. Ich hab 1990 mein Abi gemacht, und 89 ist der Zivildienst von 16 auf 20 Monate raufgesetzt worden, was mir die Suche eines Studienplatzes sehr erschwert hat. Hab zwischen Abi und Zivildienst gearbeitet, und konnte als Folge des Mauerfalles 10/89 mich drauf freuen, dass es dann nur noch 15 Monate sein sollten.... Es waren dann 14, zusammen mit 30 Tagen Sonderurlaub weil sich das mit meinem Studium um einen Monat überschnitten hat.
Zuerst war ich in einem Altenpflegeheim, auf einer Station für Intensivpflege. Schulung? Fehlanzeige. Die hätte 4 Wochen gedauert, bei einer Dienstzeit von 15 Monaten und das war den Herrschaften zu teuer.

Hab dann nach 6 Wochen einen Versetzungsantrag in einer Behindertenwerkstätte durchgekriegt, war als Zivi in einer Gruppe mit 16 Mehrfachbehinderten untergebracht. Ausbildung? Wieder Fehlanzeige, aber schließlich war meine Aufgabe eigentlich die Betreuung einzelner "Mitarbeiter", sollte als Begleitperson beim Schwimmen dabei sein, mit Blinden Wege einüben und so weiter. Das war die erste Woche. Dann kriegt die Gruppenleiterin Herzprobleme und war 3 Monate krank, und ich dann Gruppenleiter. Aus Personalmangel konnte niemand anderes die Gruppe übernehmen, also wurde ich dann zum Gruppenleiter befördert. Ausbildung/Training dafür? Fehlanzeige. Sollte in die Fortbildungen der normalen Gruppenleiter gehen.

Nach Drei Monaten stand ich dann an einer Stanzmaschine, als Frau B. wieder da war, oder hab dann Drähte aufgewickelt, 3 Tage die Woche weil die Zulassung der Maschinen für Behinderte abgelaufen war, und kein Geld für eine neue Maschine da war. Das Gentleman Agreement, dass wir Zivis dann hatten war dass es keine Kontrolle der Arbeitszeit geben würde, und da die Behinderten eine Stunde weniger als wir arbeiten fanden wir eine 32-Stundenwoche ganz OK. Ach ja, nach 3 Monaten war Frau B wieder auf Kur, und ich bis zum Ende meines Zivildienstes Gruppenleiter...

Andreas Goretzky



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Sehr geehrter Herr Deggerich,
mit einigem Amusement habe ich Ihren Artikel und die darin enthaltenen, messerscharfen Feststellungen zu o.g. Thema gelesen - auch ich habe von 88-90 über 20 Monate Zivildienst geleistet und dabei die Scheinheiligkeit des Staates an dieser Stelle kennen gelernt. Zum Thema "Charakterschule durch Zwangsdienst" muss man sich doch fragen, ob andere Länder auf charakterfeste Bürger bewusst verzichten.

Bemerkenswert finde ich bei der momentanen Diskussion zur Abschaffung der Wehrpflicht insbesondere die Position unseres Verteidigungsministers Struck, der sich zwar bei seinen sonstigen Reformplänen bzw. Standortschließungen nie der regionalen Wirtschaftförderung verpflichtet fühlte, beim Thema Wehrpflicht aber bislang immer wie ein Fels in der Brandung stand. Dieser Spagat dürfte weniger aus eigener Überzeugung als vielmehr durch die Zusprache von Frau Schmidt zustande kommen.

Jens-Peter Müller



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Herr Deggerich,
danke für diesen Artikel. Es ist wichtig, dass dem Zivildienst das Feigenblatt des gemeinnützigen, freiwilligen (genügend Leute meinen tatsächlich, dass er freiwillig sei - schließlich hätte man ja auch zum Bund gehen können) abgenommen wird.

Zur Ergänzung: Neben in Wirklichkeit nicht "patientenfernen" Leistungen wird dem Zivi auch einiges abverlangt, was der Faulheit bzw. dem Wohlbefinden der Dienstvorgesetzten dient, z.B: Den Privatwagen der Klinikleiterin waschen, beim Umzug des Chefs helfen, Schreibarbeiten erledigen, die in Wirklichkeit zur Tätigkeitsbeschreibung der Assistentin gehören, damit diese früher nach Hause kann... Wer sich da weigert sieht sich dem gleichen Druckmittel wie Wehrdienstleistende beim Bund ausgesetzt: Kloschrubben bis zum Abwinken. Das Dienstrecht, dem man untersteht und das den Menschen seiner grundlegenden Selbstbestimmungsrechte beraubt, ist ja das gleiche...

Ein verpflichtendes Bürgerjahr wäre übrigens nicht notwendigerweise verfassungswidrig: Der ursprüngliche Dienstpflichtartikel im Grundgesetz hieß lediglich: "Jeder kann zu einem für alle gleichen Dienst verpflichtet werden". Genauer durfte man sich in dem damals demilitarisierten Land nicht äußern. Und da Gleichheit zwischen Männern und Frauen damals nicht konsequent durchgezogen wurde, sah niemand ein Problem darin, später daraus eine reine Männer-Dienst-, d.h. Wehrpflicht zu machen. Und heute? Sollte das im Zeichen der Gleichstellung eigentlich kein Thema mehr sein. Allerdings ist keine Partei so naiv, zu glauben, dass die Frauen - die einzige Wählergruppe die eine absolute Mehrheit der Wahlbevölkerung stellt - jemandem ihre Stimme geben, der ihnen ein Jahr Zwangsdienst auferlegt. Bleibt zu hoffen, dass man einen solchen Dienst aus den richtigen Gründen ablehnt: Weil er undemokratisch und ökonomisch unsinnig ist.

Johannes Börner



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Hallo,
der Autor dieser Mail hat von 1987 bis 1989 Zuvieldienst geleistet und dankt ihnen für diesen Artikel.

Legen sie die Finger weiter in genau diese Wunde.....Das Land braucht so etwas wie soziale Verantwortung.

Johannes Rieder



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Endlich mal ein Artikel zum Zivildienst, der das Kernproblem anspricht. Charakterbildung hin oder her, der Zivildienstleistende ist für skrupellose Zeitgenossen schon lange zum Verschaffer größerer Profite auf Kosten der zu Pflegenden/ Betreuenden, der Angehörigen und seiner Selbst geworden. In meinem Zivildienst im Krankentransportwesen konnte man die Tatsache, dass Zivildienstleistende Aufgaben übernehmen mussten, für die sie weder ausgebildet, vorbereitet und vorgesehen sind, unmöglich übersehen. Es schaut einfach nur keiner hin oder alle schauen weg.
Oft genug ersetzten Zivildienstleistende ohne irgendeine anerkannte Form der notwendigen Ausbildung festangestellte Kollegen, ob sie wollten oder nicht. Das größte Problem ist, dass der Zivildienstleistende immer der Dumme ist. Was er sich alles gefallen lassen muss, lässt kein Erwachsener Angestellter mit sich machen. Deswegen würde man sie ja auch so gerne behalten. Sie sind unerfahren, billig, belastbar, halten den Mund und haben eingeschränkte Grundrechte, die drakonische Strafen möglich machen. Meine Erfahrungen sind derart negativ, was die Organisation, für die ich tätig war, angeht, dass ich lieber sterbe, bevor ich nochmal in eines von deren Autos steige. Egal ob als Fahrer oder Patient.

Michael Reinhardt

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