Bericht des Vorstandes
zur Mitgliederversammlung
am 6.11.1998 in Berlin

1. Neue Regierung - neue Politik?
2. KDV-Verfahren
3. Zivildienst
4. Andere Ersatzdienste
5. Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst im Ausland
6. Totale Kriegsdienstverweigerung
7. Bundeswehr im Wahlkampf
8. Neues aus der Militärseelsorge
9. Doppelstaater und Wehrpflicht
10. Einige Hinweise

1. Neue Regierung - neue Politik?

Das Ergebnis der Bundestagwahl am 27. September hat die politische Lage für unsere Arbeit erheblich verändert. Mindestens vom Grundsatz her hat es sie auch verbessert: Die kleinere Koalitionspartei hat unsere Forderung nach der Abschaffung der Wehrpflicht in ihrem Programm verankert; die größere Koalitionspartei hat in der Vergangenheit - so z.B. durch den Antrag der Länder Bremen, Niedersachsen, Saarland und Schleswig-Holstein vom 6. Mai 1993 im Bundesrat (Drucksache 191/2/93) - deutlich gemacht, daß sie die grundgesetzwidrig längere Dauer des Zivildienstes abschaffen will.

Wir haben deshalb noch vor Beginn der Koalitionsverhandlungen in Schreiben an beide Parteien die wesentlichen Argumentationspunkte zur Wehrpflicht nochmals zusammengefaßt und die Punkte aufgelistet, die aus unserer Sicht sofort umgesetzt werden sollten, soweit und solange die Wehrpflicht noch nicht abgeschafft ist (gleiche Dienstzeiten, Soldgruppe 3 im Zivildienst als Regelbeförderung, Aufhebung des "Rühe-Erlasses" für Totale Kriegsdienstverweigerer, etc.).

Allerdings zeigen die aktuellen Ereignisse (Stand: 16. Oktober 1998) um die Koalitionsverhandlungen, daß es fraglich ist, ob die neue Mehrheit auch eine neue Politik machen wird:

  • Skandalös ist es, daß der designierte Kanzler und sein designierter Vizekanzler und Außenminister bei ihrem Gespräch mit dem us-amerikanischen Präsidenten ihre Zustimmung zu einem geplanten und nicht durch das Völkerrecht gedeckten Kriegseinsatz der NATO gegeben haben.
  • Ob Kriegsdienstverweigerer von einem Minister Scharping, der gegen seinen erklärten Willen auf die Hardthöhe dienstverpflichtet wurde, viel zu erwarten haben, ist eher unwahrscheinlich. Schlimm genug, daß er seine Zustimmung zu dieser Dienstverpflichtung mit der Garantie erkaufen konnte, daß der ohnehin zu hohe Militärhaushalt nicht angetastet werde.
  • Wenn man Presseberichten (z.B. "Stuttgarter Zeitung" vom 13.10.1998) Glauben schenken darf, dann haben Bündnis 90/Die Grünen die Forderung nach Abschaffung der Wehrpflicht erst gar nicht in die Koalitionsverhandlungen eingebracht.

Vereinbart wurde immerhin, alle Fragen für die Zukunft der Wehrpflicht und der Bundeswehr in einer einzusetzenden Wehrstrukturkommission zu klären, womit die SPD ihre Position ohne Abstriche umsetzen konnte. Bereits bei ihrem Bundesparteitag 1997 in Hannover hatte sie beschlossen, eine solche Kommission einzusetzen, um den Alternativanträgen, die Wehrpflicht sofort abzuschaffen, entgegenzuwirken und auf Zeit zu spielen.

Wegen der ungeheuren Rüstungsprogramme, die die abgewählte Regierung kurz vor dem Ende der Legislaturperiode beschlossen hatte, werden die Finanzprobleme der Bundeswehr vermutlich eine große Rolle spielen. Es ist denkbar, daß allein schon deshalb nur eine starke Verkleinerung der Bundeswehr und damit das Ende der Wehrpflicht der einzige Ausweg sein werden.

Für unsere Arbeit bedeutet die neue politische Situation, daß wir in unserem Engagement gegen die Wehrpflicht nicht nachlassen dürfen, sondern dieses im Gegenteil noch verstärken müssen. Dabei sollten wir diejenigen, die gegen die Wehrpflicht sind, argumentativ unterstützen. Wichtig ist dabei, immer wieder klarzumachen, daß die Vorbehalte gegen eine vermeintlich leichter einsetzbare Freiwilligenarmee bei nüchterner Betrachtungsweise der tatsächlichen Situation unbegründet sind: Faktisch gibt es diese "Freiwilligenarmee" in dem für Auslandseinsätze vorgesehenen Teil der Bundeswehr, den sog. "Krisenreaktionskräften" (KRK) deshalb bereits, weil jeder der längerdienenden Wehrpflichtigen nur mit seiner eindeutig erklärten Zustimmung dort eingesetzt wird.

Die Konversionsdiskussion mit den Umstellungsproblemen im Zivildienst, in aufzulösenden Militärstandorten und in der Rüstungsindustrie müssen wir um der jeweils betroffenen Menschen willen ernst zu nehmen. Wir können dabei auch darauf hinweisen, daß wir eine Reihe dieser Probleme als erste angesprochen haben, so z.B. in den Dokumentationen unserer Mitgliederversammlungen und Fachtagungen im März 1992, November 1994 und November 1996.

Auch bei der 25-Jahre-Feier des Bundesamtes für den Zivildienst im September 1998 kam die Frage nach der Konversion immerhin auf - wurde aber vom Kölner SPD-Oberbürgermeister und dem Generalsekretär des Malteser-Hilfsdienstes sofort mit dem Ruf nach einer allgemeinen Dienstpflicht beantwortet, was natürlich sofort breiten Widerspruch hervorrief.

Noch im letzten Bundestag ist eine über zehnjährige intensive Auseinandersetzung zuende gegangen, die häufig Thema auf unseren Tagungen war. Das Gesetz zur Aufhebung von NS-Unrechtsurteilen gibt auch Deserteuren die Chance, rehabilitiert zu werden. Allerdings ist es ein schlechter Kompromiß, weil es unvermeidbare andere Straftaten im Zusammenhang einer Desertion weiterhin als Straftaten wertet. Über die Praxis der Urteilsaufhebungen ist uns noch nichts bekannt, aber wir hoffen, daß unter einer Regierung, an der Bündnis 90 / Die Grünen beteiligt sind, jedenfalls die Durchführungspraxis vernünftig geregelt wird. Gerade diese Partei hat den betroffenen Deserteuren immer wieder den Rücken gestärkt, in ihrem Kampf um verträgliche Regelungen nicht aufzugeben.

2. KDV-Verfahren

Die Zahl der KDV-Anträge steigt anscheinend weiter trotz der kleiner gewordenen Geburtsjahrgänge, die für eine Einberufung in Frage kommen. Am 14.9.1998 teilte uns das Bundesministerium der Verteidigung mit, daß im ersten Halbjahr 1998 77.759 Ungediente ohne Einberufungsbescheid oder Vorbenachrichtigung (Erstes Halbjahr 1997: 74.679); 4.536 Einberufene, Vorbenachrichtige und Soldaten (1997: 4.202) und 582 Reservisten (1997: 590) einen KDV-Antrag gestellt haben, insgesamt also 82.877 (1997: 79.471). Darunter waren 882 Zweitanträge (1997: 619). Um die Vergleichbarkeit mit dem Vorjahr herstellen zu können, sind auch Zahlen über die durchgeführten Musterungsverfahren von Interesse. Dazu wurde uns mitgeteilt: "Die von Ihnen erbetenen und auf den Stichtag 30.6.1998 bezogenen Zahlenangaben können hinsichtlich Musterungszahlen und Anzahl der Erfaßten noch nicht bereitgestellt werden. Ursache hierfür ist, daß der für diese Angaben notwendige Statistikbestand wegen einer Umkontierung zur Zeit nicht abgefragt werden kann. ... Soweit das weitere Zahlenmaterial zur Verfügung steht (zur Zeit nicht absehbar), werde ich dieses nachliefern."

Die Bearbeitung im Bundesamt für den Zivildienst klappt inzwischen trotz der hohen Anzahl weithin, auch wenn es immer mal wieder einzelne Fehlleistungen gibt. In Bremen gab es z.B. eine Zweifelsentscheidung, weil jemand bei der Musterung Sanitätsdienst angegeben hatte und zu Auslandseinsätzen bereit war. Das Bundesamt für den Zivildienst wertete die Bereitschaft zum Auslandseinsatz als Bereitschaft zum Kriegführen - ein interessanter Beitrag zur offiziellen Lesart vom Friedensengagement der Bundeswehr und zur Wertung des Sanitätsdienstes! Insgesamt kann aber zum 25jährigen Bestehen des Bundesamts für den Zivildienst auch von uns bestätigt werden, daß die Arbeit der Behörde sich normalisiert hat. Die Probleme, die wir heute haben, beruhen weniger auf Fehlleistungen des Bundesamts für den Zivildienst als vielmehr auf den politischen Vorgaben zur Schlechterstellung der Kriegsdienstverweigerer im Zivildienst.

Anders ist es bei den Verfahren vor den Ausschüssen für Kriegsdienstverweigerung. Nach wie vor gibt es Vorsitzende, die die Rechtsprechung mißachten, das "tragende Indiz" einfach beiseite schieben mit der Bemerkung, das könne auch widerlegt werden, keine Vertretungen bei Krankheit und Urlaub geregelt haben, Verhandlungen nicht richtig vorbereiten, Ablehnungen nach Aktenlage vornehmen, ob wohl das von Gesetzes wegen gar nicht geht, Verfahren in die Länge ziehen, und ... und .. und .... Solche Fehlleistungen beobachten wir besonders bei den Ausschüssen in Oldenburg, Koblenz und Arnsberg. Inzwischen beschweren wir uns regelmäßig direkt im Bundesministerium der Verteidigung und können nur jeden ermutigen, das bei Fehlleistungen der Ausschuß-Vorsitzenden ebenfalls zu tun. Weiter gibt es offensichtlich wieder Kreiswehrersatzamtsleiter, die sich einen Spaß daraus machen, Widerspruch gegen Anerkennungen einzulegen. In letzter Zeit hat sich der Kreiswehrersatzamtsleiter in Schwerin damit hervorgetan.

Am 23.9.1998 wurde in Köln das 25jährige Bestehen des Bundesamtes für den Zivildienst gefeiert. Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hielt die Festrede und lobte die organisatorische Leistung und die Menschlichkeit der Entscheidungen. Da wir immer mit den Fällen zu tun haben, in denen etwas schief gegangen ist, ist unser Bild von der Arbeit des Bundesamtes für den Zivildienst, insbesondere bei Zurückstellungen und Einberufungen, natürlich anders. Das Amt hat zum Jubiläum die "Daten und Fakten" neu zusammengestellt. Auffallend ist darin die Statistik der Bundeswehrverwaltung zum Anerkennungsverfahren der Ausschüsse. Berichtet werden nur die bestandskräftigen Anerkennungen und Ablehnungen. Wie viele Anträge zurückgenommen wurden, wie viele aus anderen Gründen abgewiesen wurden (Untaugliche, Freigestellte etc.) wird verschwiegen, während das Bundesamt für den Zivildienst eine vollständige Statistik vorlegt. So fallen die Ausschüsse mit 1996 82,7% und 1997 81,55% Anerkennungen innerhalb der gemeldeten Auswahl nicht gar so sehr ab gegenüber 1996 90,14% und 1997 89,12% der vollständigen Statistik des Bundesamtes für den Zivildienst. Wahrscheinlich muß man bei den Ausschüssen für eine Gesamtstatistik der Anerkennungen ca. 10% noch abziehen.

3. Zivildienst

Wir haben bisher darauf hingewiesen, daß 90% der Grundwehrdienstleistenden Soldgruppe 3 erhalten, aber höchstens jeder dritte Zivildienstleistende nach dem Ausführungserlaß des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Diese ungleiche Behandlung wird immer schlimmer. Inzwischen behauptet das Ministerium, selbst in den im Erlaß genannten Tätigkeiten dürfte die Soldgruppe 3 nur bei besonderen Leistungen gewährt werden. Wir haben verlangt, daß die Frage wieder auf die Tagesordnung der nächsten Beiratssitzung kommt. Wir müssen prüfen, ob wir gerichtlich gegen die Ungleichbehandlung vorgehen wollen.

Die Modellversuche zur Kontrolle des Krankenstandes im Zivildienst sind in Berlin und Karlsruhe angelaufen. In diesen ereichen können die Zivildienststellen bestimmen, zu welchem Arzt die bei ihnen beschäftigten Zivildienstleistenden ausschließlich gehen dürfen. Nur dieser Arzt darf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen, Überweisungen zu Fachärzten vornehmen und muß sogar bei Notfällen, die durch andere - erreichbare - Ärzte behandelt werden, den Notfall bescheinigen. Erste Erfahrungsberichte zeigen Probleme auf. Die Berliner Ärztekammer hat gegen diesen staatlichen Eingriff protestiert, weil einzelne Ärzte dadurch privilegiert werden. Wenn eine Einrichtung hundert Zivildienstleistende hat, verschafft sie einem einzelnen Arzt alle 13 Monate hundert neue Patienten - für den Arzt ein lukratives Geschäft und ein erheblicher Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ärzten. Den Zivildienstleistenden wird zugleich die freie Arztwahl verwehrt.

Im deutschen Ärzteblatt hat der Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr über eine neue zivil-militärische Zusammenarbeit im Sanitätswesen der Bundeswehr durch Einbeziehung ziviler Kliniken berichtet. Auch hier liegen uns noch keine Berichte vor, wie sich das auswirkt. Wir werden kritisch beobachten müssen, inwieweit Zivildienstleistende in Kliniken dadurch für die Bundeswehr vereinnahmt werden. Wir haben darum gebeten, daß dieses Thema auf der nächsten Sitzung des Beirates für den Zivildienst am 11. November 1998 behandelt wird.

Auswirkungen können wir bisher auch noch nicht beobachten im Blick auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 24.10.1997 zur Sicherung von Ausbildungschancen (KID 780). Es ist schwer verständlich, wie schwerfällig und unwillig die Verwaltung auf die Rechtsprechung reagiert, dabei werden die Sorgen der Wehrpflichtigen um Ausbildung und Berufschancen immer schlimmer. Daß ein Jugendministerium (!) darauf noch weniger Rücksicht nimmt als das Verteidigungsministerium, sagt alles über die Vorurteile gegen die Kriegsdienstverweigerer, die dort bisher herrschen.

Schließlich ist noch - ebenfalls ohne bisher zu beobachtende Auswirkungen - zu berichten, daß der Referatsleiter im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend inzwischen vom Dienst suspendiert wurde, mit dem wir regelmäßig Ärger hatten wegen seiner starren, gegen Kriegsdienstverweigerer gerichteten Haltung. Allerdings geschah das nicht wegen seiner juristischen "Leistungen", sondern weil ihm vorgeworfen wird, nicht nur für den Bundesnachrichtendienst, sondern auch für den Staatssicherheitsdienst der DDR und den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet zu haben.

4. Andere Ersatzdienste

Mehrere Fälle von Entpflichtungen aus dem Dienst als Katastrophenhelfer haben uns wieder darauf gestoßen, wie unsicher die Stellung der Helfer ist. Das beginnt damit, daß die Organisationen oft lange Probezeiten verlangen, die dann nicht auf die 7-Jahres-Dienstzeit angerechnet werden. Noch willkürlicher sind u.U. die Entpflichtungen, gegen die die Betroffenen zwar etwas unternehmen können, aber sich oft bei der undurchsichtigen Situation nicht energisch genug wehren. Weil sie nicht mehr Dienst leisten, entpflichtet sie dann die staatliche Seite unabhängig davon, ob sie zu Unrecht von der Organisation hinausgeworfen wurden. Und damit werden sie dienstpflichtig und werden für die vollen 10 Monate Wehrdienst oder 13 Monate Zivildienst einberufen.

5. Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst im Ausland

Die Situation in Griechenland und der Türkei ist für Kriegsdienstverweigerer nach wie vor wortwörtlich verheerend. In der Türkei ist Osman Murat Ülke im Gefängnis und wird mit immer neuen Strafverfahren verfolgt. In Griechenland sollen jetzt sogar Frauen zu Zivilschutzübungen einberufen werden. In beiden Staaten geht die Militarisierung ungebrochen weiter ebenso die Verfolgung der Kriegsdienstverweigerer.

Der katastrophalen Menschenrechtslage bei diesen NATO-Partnern stehen positive Entwicklungen bei anderen gegenüber. Die Mehrheit der NATO-Staaten verzichtet auf die Wehrpflicht. In Dänemark, Spanien (Wehrpflichtende 2003) und Italien dauert der Zivildienst nur noch so lange wie der Wehrdienst, ebenso übrigens auch in Slowenien. In Spanien ist nach Pressemeldungen inzwischen der Anteil der Kriegsdienstverweigerer höher als in der Bundesrepublik. Insgesamt ist das eine Entwicklung, die Mut macht und dafür spricht, daß das letzte Stündlein der Wehrpflicht auch bei uns nicht mehr fern ist. Sehr zurück in dieser Entwicklung sind die Länder des früheren Ostblocks. Soweit Kriegsdienstverweigerung und Ersatzdienst schon geregelt sind, ist der Ersatzdienst meist 50 - 100% länger als der Wehrdienst. Aber so fing es bei uns auch mal an mit zusätzlich 9 Monaten. Eine aktuelle Übersicht hat der Abgeordnete Christoph Tannert, Sozialistische Fraktion im Europäischen Parlament, gerade herausgegeben.

6. Totale Kriegsdienstverweigerung

Regelmäßig ist in der Frankfurter Rundschau und in der TAZ von Strafverfahren gegen totale Kriegsdienstverweigerer zu lesen. Immer wieder wird dann auch von Gerichten berichtet, die Freiheitsstrafen ohne Bewährung verhängen. Offensichtlich geht es dabei um die völlige Mißachtung der Gewissensentscheidung und den Versuch, unter Mißachtung der Menschenwürde die Persönlichkeit des Totalen Kriegsdienstverweigerers zu brechen. Verurteilungen von Nichtvorbestraften ohne Strafaussetzung zur Bewährung sind an sich ungewöhnlich. In Verfahren, für die nach höchstrichterlicher Rechtsprechung ein Wohlwollensgebot gegenüber dem Gewissenstäter gilt, sind sie durch nichts zu rechtfertigen - auch wenn Verteidigungs- und Jugendministerium solche Strafen wünschen. Die ehemaligen Minister Rühe und Nolte merkten wohl, wie wenig die Wehrpflicht noch zu rechtfertigen ist. Statt aber aus dem Ende der militärischen Bedrohung vernünftige Konsequenzen zu ziehen und vom Zwang der Wehrpflicht auf freiwillige Dienste umzustellen, reagieren sie wie angeschlagene Boxer, die jede Regel vergessen und wild um sich schlagen.

7. Bundeswehr im Wahlkampf

Die CDU hat im Wahlkampf mit dem Schlagwort "Frieden wählen" geworben und dazu einen Soldaten in Uniform abgebildet. Auf die Proteste und Forderungen des Bundeswehrverbandes, die Armee nicht in den Wahlkampf zu ziehen, hat der CDU-Generalsekretär mitgeteilt, es sei kein Soldat, sondern ein Model abgebildet. Das wiederum hat einen Tübinger Anwalt zu einer Strafanzeige wegen Vergehen nach § 132a Strafgesetzbuch veranlaßt (Mißbräuchliches Tragen der Uniform). Nach dem Gesetz ist der Mißbrauch strafbar - der Sache nach ist es schlimmer, daß Frieden als Produkt von Militär dargestellt wurde.

8. Neues aus der Militärseelsorge

Nach Pressemeldungen hat der evangelische Militärbischof mitgeteilt, daß auch Kriegsdienstverweigerer sich als Militärpfarrer melden. Die Meldung ist überraschend, weil bisher der Militärische Abschirmdienst Kriegsdienstverweigerer als Sicherheitsrisiko einstufte und ihre Einstellung verhinderte. Allerdings haben die fünf Militärpfarrer, die als "Kriegsdienstverweigerer" zur Militärseelsorge meldeten, alle ihre KDV-Anerkennung zurückgegeben. Ihre Berufung ist - wohl auch deshalb - nicht an der obligatorischen staatlichen Sicherheitsüberprüfung gescheitert. Die gleichzeitige Meldung der Arbeitsgemeinschaft Soldatenseelsorge, es seien fast keine entschiedenen Christen mehr zur Mitarbeit zu gewinnen, weil diese fast alle Kriegsdienstverweigerer seien und zum Zivildienst gingen, ist vor diesem Hintergrund nur schwer einordbar. Immerhin sind jetzt bis auf zwei alle 115 evangelischen Militärpfarrstellen besetzt. Geklagt wird aber über die Schwierigkeiten, die durch die Verkleinerung der Standorte entstehen, weil die Militärpfarrer dann größere Bezirke zu betreuen haben. Wie problematisch die staatlich finanzierte Seelsorge ist, ergibt sich aus einer weiteren Meldung, die auch gerade veröffentlicht wurde. Im Gebiet der ehemaligen DDR sind nur 18,5% der Soldaten evangelisch und 6,5% katholisch und dabei sind noch viele - vor allem Vorgesetzte - aus dem Westen. Daß Militärpfarrer verweigernde Soldaten auf unsere Informationen hinweisen, ist leider nicht spürbar. Manchmal wird sogar von ratsuchenden Soldaten berichtet, daß der Militärpfarrer über das KDV-Verfahren in die Irre führende Auskünfte gegeben hat.

9. Doppelstaater und Wehrpflicht

Die vorgesehene Information für Doppelstaater gestaltet sich wesentlich schwieriger, als wir erwartet hatten. Die deutschen Behörden und Botschaften der über vierzig Staaten, die wir angeschrieben haben, tun überwiegend so, als gäbe es keine Probleme. Dabei ging gerade erst der Fall eines Deutsch-Finnen durch die Presse, der die Probleme offensichtlich machte. Er sollte während seines finnischen Zivildienstes auch in der Bundesrepublik Deutschland den Zivildienst anfangen - die bundesoberbehördliche Aufforderung zur Dienstflucht!

Von den wichtigsten ausländischen Botschaften haben wir dazu Informationen erbeten. Diese sind aber nach den bisherigen Antworten wenig aussagekräftig. Allgemein wird eine erhebliche Abneigung gegen Doppelstaater sichtbar. Statistiken, die den Umfang des Problems aufzeigen könnten, scheint es kaum zu geben. Dabei ist offensichtlich, daß die Zahl der Doppelstaater sehr hoch ist (z.B. leben in Deutschland allein nach einer der wenigen hilfreichen Antworten 39.778 deutsch-schweizerische Doppelstaater, in Brasilien über eine Million deutsch-brasilianische Doppelstaater.

Viele Aussiedler, auch manche Eingebürgerte behalten ihre bisherige Staatsangehörigkeit bei. Kinder aus binationalen Ehen erben in vielen Fällen die Staatsangehörigkeit beider Eltern. Kinder im Ausland lebender Deutscher erhalten in vielen Ländern durch die Geburt automatisch auch die dortige Staatsangehörigkeit. Die vielen Anfragen, die uns erreichen, zeigen jedenfalls, daß doppelte Staatsangehörigkeit längst weit verbreitet ist. Wir sind weiterhin bemüht, diese Problematik genauer zu erfassen, um wehrpflichtigen Doppelstaatern besser raten zu können. Ein Ergebnis ist aber noch nicht abzusehen.

10. Einige Hinweise

Seit dem 1. Oktober 1998 arbeitet Paul Betz in der Geschäftsstelle, den meisten sicher bekannt durch seine Tätigkeit für den Osnabrücker Friedenskongreß. Wir hoffen, daß er bei uns ebenso effektiv und erfolgreich arbeitet wie dort. Sein Schwerpunkt ist die soziale Beratung für junge männliche Erwachsene im Alter von 17 bis 22 Jahren. Die vielen Probleme, die wir auch in diesem Bericht wieder ansprechen mußten, zeigen, wie nötig eine solche Arbeit immer noch ist. Es erreichen uns pro Monat etwa 250 Informationsanfragen über das Internet, etwa 300 telefonische Anfragen und auch noch einige per snailmail, also mit normaler Post.

An der Vorbereitung der 100-Jahrfeier der Haager Friedenskonferenz (10. bis 16. Mai 1999 in Den Haag in den Niederlanden, Anschrift: Hague Appeal for Peace, c/o IALANA, Anna-Paulowna-Straat 103, NL-2518 BC Den Haag, Niederlande, Tel.: 0031-70-3634484, Fax: 0031-70-3455951, E-Mail: IALANA@antenna.nl, Internet: http://www.haguepeace.org) beteiligen wir uns eher indirekt. Wir bemühen uns aber, die Informationen darüber an unsere Mitglieder weiterzugeben und helfen, daß das Menschenrecht Kriegsdienstverweigerung im Kongreß Beachtung findet. Direkt beteiligt sind unsere Mitgliedsverbände Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen und die Evangelische Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer.

Ehe der Schatzmeister über die Finanzen spricht, möchte ich allen Mitarbeitern, Fördermitglieder und Spendern, auch vielen Unterstützern aus den Mitgliedsorganisationen für alle Unterstützung danken. Nur durch das Engagement so vieler kann unsere Arbeit in dem Umfang geleistet werden, der heute nötig ist, wenn Jahr für Jahr über 150 000 junge Männer den Kriegsdienst verweigern.

Die Bitten um eine Weihnachtsspende gehen in den nächsten Tagen an alle, von denen wir Unterstützung erhoffen. Sie helfen uns, wenn Sie die Bitte geeignet weitergeben - am besten verbunden mit persönlicher Werbung.

 
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